Ueber die physikalisohe Bedeutung des Frincips der kleinsten Wirkung. (Aas Borchardt-Crelle, Journal für Mathematik, Bd. 100, S. 137 bis 166 und S. 213 bis 222. 1886.) Wenn ich in diesem Aufsatze vom Princip der kleinsten is? Wirkung spreche, so möchte ich darunter nicht allein die ursprüngliche 1744 von P. L M. de Maupertuis*) veröflTent- lichte Form desselben verstanden wissen, die übrigens erst viel später, wohl durch Lagrange, präcise Bestimmung der Yariationsbedingungen und vollständigen Beweis empfangen hat; sondern ich will unter diesem Namen, als dem ältesten und bekanntesten, die verschiedenen transformirten Formen desselben Satzes mitbegreifen, welche später durch Sir W. Rowan Hamilton') daraus entwickelt sind. Dieser hat die zwei Differentialgleichungen aufgestellt, welche später C. 0. J. Jacobi in eine zusammenzuziehen lehrte, in denen die gemein- same Quelle dieser Transformationen und noch vieler möglichen anderen liegt, während dadurch die physikalischen Voraus- setzungen, von denen die Rechnung ausgeht, gar nicht ver- ändert werden. ^) Histoire de TAcad. des Sdenoes de Paris. 1744. Ayril 15. — Histoire de l'Acad. Boyale de Berlin. 1746. p. 267. ») Philosoph. Traosact. 1834. T. H, p. 247—308; 1835. T. I, p. 95-144. 204 Die phjsikal. ßedeutang des Princips der kleinsten Wirkung. Die genannten Forscher haben das Princip der kleinsten Wirkung zunächst nur auf die Mechanik wägbarer Körper an- gewendet und die Bewegungen eines Systems entweder ganz frei beweglicher oder durch feste Verbindungen an einander geketteter Massenpunkte dadurch dargestellt Die physikalischen Voraussetzungen, von denen sie ausgingen, waren also wesent- lich gegeben durch Newtons Bewegungsgesetze und die Art, wie man der Erfahrung entsprechend die Wirkung fester Ver- bindungen von Massenpunkten mechanisch zu definiren pflegte. Weiter zeigte sich aber, sobald man erst gelernt hatte Maupertuis' Integral richtig zu behandeln, dass die Gültig- 138 keit des Gesetzes von der Constanz der Energie vorausgesetzt werden müsse ^). Dies musste anfangs als eine erhebliche Beschränkung für den Gültigkeitsbereich des Princips der kleinsten Wirkung erscheinen, bis die neueren physikalischen Untersuchungen feststellten, dass auch das Gesetz von der Constanz der Energie allgemeingültig ist, und jene scheinbare Einschränkung also in der That nichts einschränkt Nur muss man für den untersuchten Vorgang vollständig alle Formen kennen, in denen Aequivalente von Energie auftreten, um sie mit in Rechnung zu ziehen. Andererseits konnte es fraglich erscheinen, ob mitspielende andere physikalische Vorgänge, welche nicht einfach auf Bewegungen wägbarer Massen und auf Newton 's Bewegungsgesetze zurückzuführen sind, in denen sich aber doch Energiequanta bethätigen, auch unter das Princip der kleinsten Wirkung begriffen werden dürfen. Als die für die hier beabsichtigten Untersuchungen be- quemste Form des Princips der kleinsten Wirkung werde ich eine von Hamiltons Formen wahten, welche zulässt, dass auf das betreffende mechanische System, dessen innere Kräfte nur conservative sind, noch äussere von der Zeit abhängige Kräfte einwirken, deren Arbeit besonders berechnet wird. Wenn wir mit F die potentielle Energie des Systems, mit L die lebendige * Maupertuis selbst hat dies nicht gesehen; er hält sein Princip ftir allgemeiner als das der Erhaltung der lebendigen Kräfte. Histoire de TAcad. de Berlin. 1746. p. 285. — C. ü. J. Jacohi erörtert diesen Punkt im Anfang der Vorlesung VI über Dynamik. Die physikal. Bedeutung des Princips der kleinsten Wirkung. 205 Kraft desselben bezeichnen, so ist die Function (Hamilton 's Principalfiinction), deren Zeitintegral bei der normalen Be- wegung zwischen den Endlagen ein Grenzwerth wird: H=F—L, während die Energie des Systems E=F-\-L ist Hierin ist F nur von den Coordinaten abhängig, während L eine homogene Function zweiten Grades der Geschwindig- keiten ist Jene Function H ist dieselbe, durch deren Differential- quotienten Lagrange die nach aussen gewendeten Kräfte des bewegten Systems ausgedrückt hat Da diese Function in allen hierher gehörigen Problemen eine wichtige Rolle spielt, möchte ich für sie eben wegen dieser Beziehung zu den Kräften den Namen des kmeUschen Potentials vorschlagen. Es ist schoA eine ganze Reihe entsprechender Namen für ver- schiedene specielle Capitel der Physik vorgeschlagen worden. i3» So gehört hierher Hm. F. E. Neumann 's Potential zweier elektrischer Ströme, Hm. R. Clausius^) eleldrodynamisches Potential] Hr. J. W. Gibbs') nennt in der Thermodynamik dieselbe Funktion, die ich freie Energie genannt hatte, Kräfl&' function ßr constante Thnperattdr, Hr. P. Duhem*) dagegen dieselbe das thermodynamisehe Potential, Es sind also Vorgänge genug für die "Wahl des neuen Namens vorhanden. Das Princip der kleinsten Wirkung kann dann so aus- gesprochen werden: Ihr für gleiche Zeitelemente berechnete negative MUtekoerth des kinetischen Potentials ist auf dem wirkliehen Wege des . Systems ein Mnimwn (bexdehlich für längere Strecken ein Qrenxr werth) im Vergleich mit allen anderen benachbarten Wegen ^ die in gleicher Zeit aus der Anfangslage in die Endlage führen. Für die Ruhe geht das kinetische Potential über in den Werth der potentiellen Energie (beziehlich des Potentials im bisherigen *) Borchardt- Grolle, Journ. f. Math. Bd. 82, S. 85. Aach in Wiedemann's Annalen Bd. I, S. 36. >) Transact Connecticut Academy III, p. 106<-248; 34^—524. Silli- mans Journal 1878. XVL p. 441—458. 3) Le Potentiel Thermodynamique. Paris 1886. 206 IHe phjsikal. Bedentang des Prindps der kleinsten Wirkung. Sinne). Für diese brauchen wir nicht den Mittelwerth zu nehmen, da die während der Bewegung verschiedenen "Werthe hier einander alle gleich werden. Für die Ruhe sagt unser Oesetz dann also einfach aus, dass die potmiieUe Energie für das Oleichgewieht ein Minimum sein müsse^). Jacobi hat gezeigt, dass die Function H auch explicite die Zeit enthalten könne, ohne die Bildung der Variation und die daraus folgende Differentialgleichung unmöglich zu machen. Ich habe dies benutzt, um zu H noch eine Sunune -2'[Pa -jp«] a hinzuzufügen, in welcher pa die Coordinaten sind, und P^ die in Richtung der Coordinate pa wirkende Kraft bedeutet, letztere in dem unten näher zu erörternden Sinne genommen. Die P« werden als gegebene Functionen der Zeit, aber imabhängig von den Coordinaten betrachtet In dieser Form liefert der Minimalsatz bei der Variation Lagrange 's Gleichungen für die Kräfte P^, und damit ist dann auch die ganze Reihe specieller Untersuchungen, die sich auf die Bewegungsglei- chungen von Lagrange gründen, unter das etwas modificirte Princip der kleinsten Wirkung aufgenommen. Wo es nöthig 40 ist dieses modificirte Princip von dem ursprünglichen zu unter- scheiden, will ich es den ABnimcUsatz des negativen kinetisc^ien PoteniuÜB nennen. Die von Lagrange gegebene Form der Bewegungsgleichungen ist namentlich dadurch von Wichtig- keit, dass wir sie auch auf Falle anwenden können, wo allerlei noch nicht rationell aufzulösende Vorgänge, Reibung, galva- nischer Widerstand u. s. w. mitwirken, und wo zwischen diesen und den durch Lagrange 's Formel zusammengefassten conser- vativen Kräften des bewegten Systems Gleichgewicht be- stehen muss. Von anderen Arbeitsäquivalenten kommen nun neben der potentiellen und actuellen Energie wägbarer Massen, nament- lich noch die thermischen, elektrodynamischen und elektro- magnetischen in Betracht. Die Wärmebewegung ist bisher >) Zn bemerken ist, dass schon Euler auf diesem Wege das Princip der kleinsten Wirkung za begründen suchte, aber er nahm den Mittelwerth von F, nicht von (jP— i). Histoire de TAcad. Boyalo de Berlin. 1751. p. 175. Die physikaL Bedeatang des Prindps der kleinsten Wirkung. 207 allerdings nur als ein besonders verwickelter Fall der Be- wegung ausschliesslich wägbarer Atome betrachtet worden. Da aber von warmen Körpern gleichzeitig Aetherwellen aus- strahlen, so wird diese Beschränkung, die unter einfacheren Voraussetzungen in der That Carnot's Gesetz abzuleiten ge- stattet, vne die Hm. Clausius^) und Boltzmann") gezeigt haben, doch nur als eine zunächst ausreichende Hypothese zu betrachten sein; die Mitwirkung anderer Kräfte, z. B. elektro- dynamischer, kann nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Dass dagegen thatsächlich die bekannten Gesetze der reversiblen Wärmevorgänge in der Form von Lagranges Be- wegungsgleichungen, also auch des Minimalsatzes des kinetischen Potentials ausgedrückt werden können, habe ich in meinen Aufsätzen über die Statik der monocykUechen Bewegungen^ nachgevnesen. Dabei zeigt sich aber, dass die Temperatur, welche die Intensität der thermischen Bewegung misst, in viel ver- wickelterer Form in die zu integrirende Function eintritt, als es die Geschwindigkeiten thun, wenn man den Werth der lebendigen Ej*aft ponderabler Systeme bildet Ich habe in den citirten Aufsätzen gezeigt, dass dergleichen Formen unter gewissen beschränkenden Voraussetzungen auch für Systeme wägbarer Massen durch Elimination gewisser Coordinaten ent- stehen können, und dass also in dem Auftreten solcher ver- wickelterer Formen kein Widerspruch gegen die Anwendung von Lagrange's Bewegungsgleichungen liegt Wohl aber wird es nothwendig, wenn man die allgemeinen Eigenschaften der Systeme, die durch das Princip der kleinsten Wirkung regiert werden, kennen lernen will, die ältere engere Annahme ui fallen zu lassen, wonach die Geschwindigkeiten nur in dem Werthe der lebendigen Kraft und zwar in Form einer homo- genen Function zweiten Grades vorkommen, und zu unter- suchen, wie sich die Sache verhält, wenn H eine Function der Coordinaten und Geschwindigkeiten von beliebiger Form ist ») Poggendorff Annalen. 1871. Bd. 142. S. 433—461. <) Wiener Sitzungsberichte 1866. Bd. LIU. Abth. U, 8. 195 bis 220. ^ Borchardt-Crelle, Joam. f. Math. Bd. 97. 8. 112 bis 123. Ab- gedruckt auf 8. 120 — 133 des vorliegenden Bandes. 208 Die physikal. Bedeutung des Princips der kleinsten Wirkung. Dafür, dass auch die chemiscfien Kräfte, wo wir sie zwingen können, nur auf reversible Weise zu arbeiten, dem Carnot'- schen Gesetze folgen, haben zwar erst in einer kleinen Zahl von Fällen experimentelle Bestätigungen gewonnen werden können, diese aber fallen um so mehr auf, als sie messbare Beziehungen zwischen Processen von anscheinend ganz ver- schiedener Natur herausstellen^). Endlich haben die Beobachtungen über die elektro- magnetischen und elektrodynamischen Femwirkungen ge- schlossener elektrischer Ströme zu Ausdrücken für die pondero- motorischen und elektromotorischen Kräfte geführt, die sich durchaus den von Lagrange für die Mechanik wägbarer Körper gegebenen anschliessen. Der erste, welcher eine solche Formulirung der elektrodynamischen Gesetze gegeben hat, war Hr. F. E. Neumann') senior. Bei ihm treten als Geschwindig- keiten die elektrischen Strömungen auf, d. h. die Menge der Elektrioität, die in der Zeiteinheit durch ein von materiellen Theilchen des Leiters umgrenztes Flächenelement hindurch- geht Später haben dann die Hm. W.Weber und Clausius andere Formen gegeben, in denen relative oder absolute Ge- schwindigkeiten elektrischer Quanta im Räume statt der Strom- geschwindigkeiten eintreten. Für geschlossene Ströme stimmen die Folgerungen aus diesen verschiedenen Formulirungen durch- aus überein. Für ungeschlossene differiren sie. Soweit in diesem letzteren (Jebiete Thatsachen gewonnen sind, zeigt sich, dass das Neumann 'sehe Gesetz unzureichend ist, wenn man bei seiner Anwendung nur die in den Leitern vorgehenden Elektricitätsbewegungen in Rechnung zieht. Man muss viel- mehr auch die von Faraday und Maxwell in Betracht ge- ") 8. meine drei Aufsätze über die Thermodynamik chemischer Vor- gänge. Sitzungsberichte der Berliner Akademie 1882, 2. Febr., 27. Juli. 1883, 31. Mai. Abgedruckt in der vorliegenden Sammlung, Bd, 11, S. 958—992 und Bd. HI, S. 92— 114. — Eine gute Zusammenstellung des bisher gebrachten Materials in dem oben citirten Buche von P. Duhem. ^) S. meine Arbeiten über die Theorie der Elektrodynamik. Borchardt- Crelle, Journ. f. Math. Bd. 72, S. 57; Bd. 75, S. 35; Bd. 78, S. 273. Ab- gedruckt auf 8. 545—628, 647—687 und 702-762 des ersten Bandes dieser Sammlung. Die pbysikal. Bedeutung des Principg der kleinsten Wirkung. 200 nommenen Bcwogunp^on der Eloktricität in Isolatoren, wie sie bei entstehender oder vergehender dielekti*ischor Polarisation derselben eintreten, berücksichtigen. Unter das so erweiterte 142 Neumann'sche Gesetz fügen sich auch die bisher sicher beobachteten Wirkungen ungeschlossener Ströme. Aber auch hier besteht eine Abweichung in der Form der Functionen, verglichen mit denen für wägbare Massen. Für die elektrodynamisclien Erscheinungen treten die Geschwindig- keiten der Eloktricität ia einer Function zweiten Grades auf, deren Coefficienten aber, selbst bezogen auf rechtwinkelige Coordinaten, nicht Constanten werden, wie es die Massen in dem Werthe der lebendigen Kraft ponderabler Systeme sind. Zweitens treten lineare Functionen der Geschwindigkeiten ein, sobald permanente Magnete in Wirkung treten. Es waren gerade Untersuchungen über die Form des kinetischen Potentials, welches Maxwell's Theorie der Elektro- dynamik fordert, die mich auf die vorliegenden vorbereitenden Untersuchungen geführt haben. Auch die Lehre vom Licht hat sich in allen Hauptsachen unter die Hypothese subsumiren lassen, dass der Aether ein Medium von ähnlichen Eigenschaften sei, wie die festelastischen wägbaren Körper. Die bekannten Schwierigkeiten in der Theorie der Eeflexion und Kefraction werden noch leichter besiegt durch MaxwelTs elektromagnetische Hypothese. Aber man mag der einen oder der andern Meinung folgen, so würde man das Princip der kleinsten Wirkung für die Lichtbewegung als gültig betrachten müssen, wenigstens soweit ihre Er- scheinungen durch jene Theorien erklärt werden. Daraus ergiebt sich schon jetzt, dass der Gültigkeits- bereich des Princips der kleinsten Wirkung weit über die Grenze der Mechanik wägbarer Körper hinausgewachsen ist, und dass Maupertuis' hoch gespannte Hofihungen von seiner absoluten Allgemeingültigkeit sich ihrer Erfüllung zu nähern scheinen, so dürftig auch die mechanischen Beweise und so widerspruchsvoll die metaphysischen Speculationen waren, welche der Autor selbst für sein neues Princip damals anzu- führen wusste. Es ist schon jetzt als h()chst wahrscheinlich zu betrachten, T. Holmholts, wihM>nachaftl. Abhandlongon. III. 14 210 I)io physikal. Bedeutung des Prindps der kleinsten Wirkung. dass es das allgemeine Gesetz aller reversiblen Natiirprocesse sei, und was die irreversiblen betrifft, wie z. B. Erzeugung und Leitung von Wärme, so scheint deren Irreversibilität nicht im Wesen der Sache, sondern nur auf der Beschränktheit unserer Hülfsmittel zu beruhen, die es uns nicht möglich machen ungeordnete Atombewegungen wieder zu ordnen, oder die Bewegung aller in Wärmebewegung begriflFenen Atome genau rückwärts gehen zu machen. Jedenfalls scheint mir die Allgemeingültigkeit des Princips 143 der kleinsten Wirkung so weit gesichert, dass es als heuristisches Princip und als Leitfaden für das Bestreben, die Gesetze neuer Klassen von Erscheinungen zu formuliren, einen hohen Werth in Anspruch nehmen darf. Es hat ausserdem den Vorzug die sämmtlichen Bedingungen, welche für die untersuchte Klasse von Erscheinungen von Ein- fluss sind, in den engsten Rahmen einer einzigen Formel zusammenzufassen, und dadurch einen vollständigen Ueberblick über alles WesenÜiche zu geben. Bei dieser Lage der Sache hielt ich es für nützlich für das verallgemeinerte Princip eine XJebersicht des Beweises und der allgemeinen Folgerungen zusammenzustellen, die, wo sie nur bekannte Methoden auf etwas erweiterte Annahmen anzu- wenden hatte, ganz kurz gehalten sein konnte. Ich habe mich dabei bestrebt, namentlich diejenigen Folgerungen hervorzu- heben, welche beobachtbare Verhältnisse betreffen, und die, zusammengefasst, wiederum im Stande sind, als Kennzeichen für die Gültigkeit des Princips in dem betreffenden Gebiete zu dienen. In § 1 ist mit möglichster Freiheit für die Natur der Function H der Minimalsatz des kinetischen Potentials ent- wickelt, und Lagrange's Bewegungsgleichungen daraus her- geleitet Die Eliminationen sind besprochen, durch welche auch für Systeme wägbarer Körper solche allgemeinere Formen eintreten können. In § 2 wird die Constanz der Energie aus unserer Form des Princips abgeleitet und der Wertii der Energie aus dem Werthe des kinetischen Potentials zu berechnen gelehrt. Er ist: Die physikal. Bedeutung des Princips der kleinAten Wirkung. 211 dH E = H—2\q 0*- WO ^a die Gescliwindigkeiten sind. Dabei zeigt sich, dass nicht umgekehrt in jedem Falle, wo die Constanz der Energie gewahrt ist, auch das Princip der kleinsten Wirkung gelte. Das letztere sagt also mehr aus, als das erstere, und zu finden, was es mehr aussagt, ist unsere Aufgabe. Gleichzeitig werden einige mechanische und physikalische Vorgänge speci- ficirt, um sie als erläuternde Beispiele sowohl für den Inhalt der beiden ersten Paragraphen als auch der folgenden herbei- ziehen zu können, und daran die Tragfweite des Princips an- schaulich zu machen. § 3 behandelt dann die entgegengesetzte Aufgabe, näm- lich H aus E abzuleiten. Das muss durch Integration der oben stehenden Differentialgleichung geschehen und bringt also will- kürliche Integrationsconstanten hinein, welche homogene Functionen ersten Grades der q^ sein müssen. Dieser Schritt 144 ist insofern von Bedeutung, als es nun möglich sein wird, aus der vollständigen Kenntniss der Abhängigkeit der Energie von den Coordinaten und Geschwindigkeiten das kinetische Potential und somit die ganzen Bewegungsgesetze des Systems zu finden, vorausgesetzt, dass das Princip der kleinsten Wirkung gültig ist Die nach g^ linearen Glieder, welche „verborgenen Be- wegungen" entsprechen, werden sich wohl meist ohne Schwierig- keit finden lassen. § 4 behandelt die Wechselbeziehungen zwischen den Kräften, die das System gleichzeitig nach verschiedenen Richtungen hin ausübt, und seinen Beschleunigungen und Ge- schwindigkeiten. Diese umfassen eine Reihe der interessantesten Verknüpfungen physikalischer Erscheinungen, wie z. B. die zwischen Ampöre's elektromagnetischen und elektrodyna- mischen Gesetzen einerseits und dem Inductionsgesetz anderer- seits; eine Reihe thermodynamischer Gesetze, z. B. das Ver- hältniss zwischen der Steigerung des Drucks einer einge- schlossenen Masse durch Temperaturerhöhung zu der Temperatur- erhöhung durch Compression; das entsprechende Verhalten bei thermoelektrischen und elektrochemischen Processen. Auch lässt sich schliesslich wiederum nachweisen, dass das Princip 14 ♦ 212 Die physikal. Bedeutung des Princips der kleiosten WirkuDg. der kleinsten Wirkung jedesmal gültig ist, wenn die in § 4 aufgezählten Wechselbeziehungen der Kräfte bestehen. Dieser Beweis ist aber auf eine spätere Mittheilung verschoben. In § 5 werden Hamilton 's Theoreme für die allgemeine Form kurz recapitulirt, und in § 6 werden die daraus her- fliessenden Beciprocitätsgesetze für die durch kleine Anstösse nach Ablauf einer bestimmten Zeit erfolgenden Aenderungen der rechtläufigen und rückläufigen Bewegung gegeben. Es fallen darunter reciproke Verhältnisse, die ich selbst für Schall und Licht in früheren Arbeiten, aber nur für ruliende Systeme, nachgewiesen hatte. In § 7 endlich werden die Bewegungsmomente statt der Oeschwindigkeiten eingeführt, was eine andere Form des Va- riationsproblems und neben den schon bekannten geänderten Darstellungen der Werthe der Kräfte auch ein anderes ßecipro- citätsgesetz der hin- und rückläufigen Bewegung ergiebt §1- Formulirung des Princips. Ich nehme an, das der augenblickliche Zustand des be- trachteten Körpersystems durch eine genügende Anzahl von 146 einander unabhängiger Coordinaten p^, vollständig gegeben sei ; die Geschwindigkeiten ihrer Acnderung bezeichne ich mit: qa - -^^-. (1.) Ich bezeichne femer mit Pa die Kraft, mit welcher das bewegte Körpersystem auf Aenderung der Coordinate jt?a hinwirkt, so dass ( — Pa) die äussere Kraft ist, welche auf das System ein- wirken muss in Kichtung der Coordinate ;>a, damit die voraus- gesetzte Bewegung des Systems in der angenommenen Weise vor sich gehen kann. Diese von Lagrange eingeführten Kräfte P^ sind im All- gemeinen Aggregate von Kraftcomponenten, die selbst auf ver- schiedene Theile des Systems einwirken können, und dadurch ihrer Grösse und Zusammensetzung nach definirt sind, dass (^0 • dpai diö Arbeit ist, welche die Kraft P^^ nach aussen hin Die physikal. Bedeutung des Princips der kleinsten Wirkung. 213 leistet, wenn die Aenderung der Coordinate i?« üi (pa-^-dPa) eintritt, während P« keine Arbeit leistet, wenn pa unverändert bleibt, während beliebige Veränderungen der übrigen Coor- dinaten pi eintreten. Wir setzen im Folgenden voraus, dass die Grössen Pa «Is Functionen der Zeit, aber unabhängig von den Coordinaten, während der Periode t = to bis t = ti gegeben seien. H sei eine Function der Coordinaten und Geschwindigkeiten, von der wir zunächst nur verlangen, dass sie in allen Lagen des während der genannten Zeitperiode durchlaufenen Weges end- liche erste und zweite Differentialquotienten nach den pa und qa habe. Wir bilden nunmehr das Integral: in welchem die pa so variirt werden sollen, dass ihre Variationen dpa für t = to und t = t^ gleich Null, in den Zwischenzeiten aber beliebige differentiirbare Functionen der Zeit seien. Dann folgt nach bekannten Methoden der Variationsrechnung, dass d
und verlange, dass
werde für beliebige Variationen der pa und qa^ welche beide
als unabhängige Variable zu behandeln sind. Für die Zeiten
fo und ^ sollen die ip^ = 0 sein, die dq^ bleiben auch dann
willkürlich.
Die Variation nach qf^ ergiebt:
«=fi"^-(-t-'.)]. <->
woraus die Gleichungen (1.) sich ergeben, da die Determinante
der S^Hj (dqa-Sqf^) nicht identisch gleich Null sein soll.
Die Variation nach den p^ ist, wie oben, auszuführen und
ergiebt dasselbe Besultat
Wenn man die in (1** .) vorkommende Function der pa und
qa bezeichnet:
220 I^e phjsikaL Bedeutang des Princips der Ideinsten Wirkung.
(es ist dies die Energie, wie der nächste Paragraph zeigen
wird), so wird:
Ich führe diese Form hier an, da wir auf eine analoge Form
am Schlüsse stossen werden, und beide, wenn man ihnen in
physikalischen Untersuchungen begegnet, ehe man sicher weiss,
welche Grössen, als p^^ qa ^^^ «a anzusprechen sind, sehr
fremdartig aussehen können.
Andererseits sind es gerade diese Formen, welche die
vollständigste Fassung dos Problems in sich vereinigen.
152 § 2.
Verhältniss zum Princip von der Constanz der Energie.
Wenn man die Bewegungsgleichungen (1*.) der Reihe
nach mit g-^ multiplicirt und addirt, erhält man:
^''••'•) = -^[-s-'-]+4f['--|^]
aL Sqa dt J
=-i-{''-4'.-^ll-
dq,
Setzen wir, wie vorher:
so können wir schreiben:
2:[P,.qa]-dt+^'dt = 0. (!•.)
Büerin ist die voranstehende Simime die Arbeit, welche die
Kräfte P« im Zeittheilchen dt nach aussen hin abgeben, und
es ergiebt sich also, dass die Grösse E fortdauernd in dem
Maasse abnimmt oder wächst, als jene Kräfte positive oder
Die physikal. Bedeutung des Princips der kleinsten Wirkung. 221
negative Arbeit leisten. Daraus folgt, dass E den Enorgie-
vorratli des Systems bezeichnet, ausgedrückt durch seine Co-
ordinaten jo^ und Geschwindigkeiten q « .
Daraus geht hervor, dass das Princip der kleinsten
Wirkung, genommen in der Form des § 1, das Princip von der
Constanz der Energie immer einschliesst
Andererseits ist das Princip der kleinsten Wirkung nicht
nothwendig gültig in allen denkbaren Fällen, welche dem Ge-
setze von der Constanz der Energie unterworfen sind. Man
kann zu dem Systeme der Gleichungen (1 * .) mannigfaltige Zu-
sätze machon, welche die Ableitung der Gleichung (1 ' .) durch-
aus nicht stören, wohl aber die Zusammenfassung in die
Variationsform aufheben. Man addire z. B. zu derjenigen der
Gleichungen (1<^.), welche in ihren Gliedern den Index a hat,
ein Glied ((p^qi) und zu der mit dem Index B das Glied
( — ^'Q« sind, und jeder von beiden
Indices b und c sich nach einander auf alle Stromkreise be-
166 zieht Die inducirten elektromotorischen Kräfte, die ich mit
6^ bezeichnen will, sind:
&
= -2[-^(ö,.c./c)], (5-.)
Wenn ein permanenter Magnet mitwirkt, dessen Lage durch
die Coordinate p^ gegeben ist, so kommt zu ^noch eine Reihe
linearer Glieder hinzu, die ich mit h bezeichnen will, von
der Form:
h = -^[Äb.Jb], (5^)
wo die Ri Functionen der Coordinaten p^ und p^ sind. Die
Berechnung der Kräfte geschieht hieraus nach denselben Me-
thoden. Die gesanmite elektrodynamische Energie ist:
Die Function h verschwindet daraus, da:
"-f[^'-Sr] = »-
Dass das hier vorkommende E = — H^ wie die lebendige
Kraft ponderabler Massen, eine noth wendig positive Grösse für
geschlossene Ströme ist, habe ich in meinen elektrodynamischen
Arbeiten gezeigt^). Ausserdem ist E eine homogene Function
») Borchardt- Grelle, Joum. f. Math., Bd. 72, S. 8G ff. und
S. 125. Abgednickt auf S. 578 und 623 des ersten Bandes dieser Samndung.
Die physikaL Bedeatong des Frincips der kleinsten Wirkung. 225
zweiten Grades der J^, und es lassen sich daher dieselben
Betrachtungen anwenden, wie sie am Ende von § 1 ausgeführt
sind, wonach die Determinante der Grössen d^Hj (SJa'dJh) nicht
identisch gleich Null werden kann.
IIL Beispiel, Thermodynamik, Die Gesetze der reversiblen
thermischen Processe können bei Wahl passender Coordinaten
dargestellt werden^) in der Form:
p.=-i-[i?-^]-i-m,
^Q =-&. ^
dt l d& V J
(6.)
dt dt
E=^-&.-^ + L. (6«.)
Darin ist g die von mir als „freie Energie" bezeichnete i56
Function der Coordinaten pf^ und der absoluten Temperatur
^, L ist die lebendige Kraft der sichtbaren Bewegungen der
schweren Massen, also Function der ^^ und g«, nach letztem
homogen vom zweiten Grade, unabhängig von ^; dQ ist die
Wärmemenge, die im Zeitelement dt von aussen in den Körper
eindringt, d. h. die Arbeit, welche von aussen her einwirkende
und nur Wärmebewegung hervorbringende Kräfte ausgeübt
haben.
Dieselbe Form mit geänderten Variablen erhalten wir, in-
dem wir setzen:
~d¥ — ^'
daan mit s irgend eine Function von S bezeichnen, und
femer setzen:
^—dT' = '''
J (6».)
Drücken wir nun H und s als Functionen der pa und des 17
0 Borchardt-Crelle, Journ. f. Math., Bd. 97, S. 112 bis 117.
Abgedruckt aiif S. 120 — 127 des vorliegenden Bandes dieser Sammlung.
Die lebendige Kraft der sichtbaren Bewegungen L ist hinzugefügt um die
hier wünschenswerthe Vollständigkeit zu bewahren.
T. Helmholtz» wiMensehaftl. Abhandlungen. HI. 15
167
226 1^6 physikal. Bedeutung des FrincipB der kleinsten Wirkung.
aus [1. c. Abhdl. L GL (1**.)]^), so lassen sich die obigen
Gleichungen schreiben:
dQ , n dS ds ^ .
dt ^ dt ' dt
^.= -^t«-i.)-^[^], (6-.)
£=if-,.-^+L. (C.)
Auch diese Gleichungen haben wie die ersten (6.), (6*.) ganz
die Fonn (s. 1. c. § 3), wie die für die Bewegung mono-
cyklischer Systeme, deren kinetisches Potential (H — L) ist,
und für welche rj die Geschwindigkeit, s das Bewegungs-
moment der monocyklischen Bewegung bezeichnet
Bezeichnen wir mit P^^^ die in Richtung der Geschwin-
digkeit 17 ausgeübte Kraft, so ist:
P^^yfj.dt = dQ, (6/.)
Die Analogie mit den Ausdrücken von Lagrange bleibt
hier also gewahrt, in welcher "Weise auch die Entropie S von
dem Bewegungsmoment s der monocyklischen Bewegung ab-
hängen mag. Die Möglichkeit der Koppelung gleich warmer
Körpersysteme zu einem grösseren System und die kinetische
Gastheorie führen in diesem Falle dazu anzunehmen, dass:
1? = « . g,
S=--g-=C.log«
sei. Danach wäre für jedes gegebene Körpersystem die
Temperatur proportional der lebendigen Kraft der Wärme-
bewegung zu setzen, wie vor mir auch schon die Hm.
Glausius und Boltzmann wahrscheinlich zu machen gesucht
haben'). Die späteren Anwendungen unseres Beispiels sind
>) Abgedruckt auf S. 125 des vorliegenden B&ndes.
') Idi habe in einer Mittheilnng an die Berliner Akademie (Sitzungs-
berichte 8. December 1884) diesen Satz bestimmter ausgesprochen, aber
dann erkannt, dass ein Schritt im Beweise nicht gesichert werden konnte,
•ondem noch eine weitere einschränkende Bedingung erfordere, deren phy-
sikalische Bedeutung ich noch nicht so zu interpretiren weiss, wie ich hoffe,
dass es geschehen kann. Ich muss daher die von Hm. L. Boltzmann
gegen jenen Au&atz gemachten Einwände (Wiener Sitzungsberichte (2) Abth.,
XCn. Bd., 8. October 1885) als in dieser Beziehung berechtigt anerkennen.
Die phjsikaL Bedeatang des Princips der kleinsten Wirkong. 227
unabhängig von der Frage nach der Beziehung zwischen den
Functionen S und s.
Die Wärmebewegung ist wahrscheinlich als ein besonders
weit gehendes Beispiel von Elimination von Coordinatenjöc auf-
zufassen, H kann deshalb eine verwickelte Function von ^
oder 1] sein. Dass aber auch viel zusammengesetztere Be-
wegungsweisen, die den inneren Molecularbewegungen der
warmen Körper schon viel ähnlicher sind, zu den gleichen
Gesetzen führen können, haben meine Untersuchungen über
die zusammengesetzten monocyklischen Systeme gezeigt
§3.
Das kinetische Potential aus dem Werthe der Energie herzuleiten.
Bei den physikalischen Untersuchungen ist meist leichter
und sicherer zu erkennen, welches die Umstände sind, die auf
den Energievorratii irgend eines Eörpergystems Einfluss haben,
und danach den WerÜi der Function E zu bestimmen, als die
gesammten Gesetze der Yeränderungen und aus diesen das
kinetische Potential zu finden. Wir kommen also nun zur
Untersuchung darüber, in wie weit das letztere aus dem
Wertiie des Energievorratiis bestimmt werden könne.
Wir setzen voraus, das die Grösse E als Function der
Pa und qa gefunden sei Für die Form dieser Function ergiebt
sich aus Gleichung (1*.)*
Daraus folgt: is$
Bei der zur Bildung der Bewegungsgleichungen nötiiigen
Variation der in Gleichung (1*.) gegebenen Function (P musste
vorausgesetzt werden, dass die ersten und zweiten Differential-
quotienten von H längs des von dem Systeme durchlaufenen
Weges stets endlich bleiben. Danach folgt aus Gleichung
15 ♦
228 ^^^ physikal. Bedeutung des Prindps der kleinBten Wirkong.
(7.), dass, wenn sämmtliche ^^^ = 0, auch alle dE j dqa gleich
Null werden.
Andere Beschränkungen der Function E^ die durch die
physikalische Bedeutung gegeben sind, mögen hier nui* kurz
erwähnt werden.
1) Die vorkommenden Coordinaten können sich bei einem
freien System nur auf die relative Lage der Massen des
Systems beziehen, weil überall im Baume bei gleicher relativer
Lage der Massen zu einander der gleiche Bewegungsvorgang
muss vorgehen können.
2) Der Werth von E muss für endliche Entfernungen
der Massen und endliche Geschwindigkeiten ein endliches
Minimum haben; sonst wäre, der Arbeitsvorrath des Systems un-
endlich gross. Also muss für unendlich wachsende qa der Wertii
von E eine nothwendig positive Grösse werden. "Welche un-
zulässige Folgerungen aus der gegentheiligen Annahme fiiessen,
habe ich für die elektrodynamische Theorie von Hm.
W. Weber zu zeigen gesucht^).
Aus der Gleichung (1*.) ergiebt sich zunächst leicht, dass,
wenn H als eine Summe von homogenen ganzen Functionen
der qa verschiedenen Grades dargestellt werden kann, dasselbe
für E der Fall ist. Bezeichnen wir eine homogene Function
,jten Grades der q^ mit P« und ist:
n ^ '
SO ist:
n
oder:
E = Po— A— 2^8 etc.
Die Glieder ersten Grades Pi fallen im Werthe von E
169 weg, Po entspricht der potentiellen, von der Bewegung unab-
hängigen Energie, die wir oben mit F bezeichnet haben, P,
dem ( — L). Höhere Glieder kommen in den Problemen für
») Borchardt- Grelle, Journ. f. Math., Bd. 72, S. 85. § 4 bis
§ 7; Bd. 75, a 35—62. Abgedruckt auf S. 578—611 und 647—679 des
eisten Bandes dieser Sammlung*
Die phjsikal. Bedeutong des Princips der kleinsten Wirkung. 229
die Mechanik wägbarer Körper nur in den durch Elimination
gewisser Coordinaten pc veränderten Fällen vor.
Uebrigens lässt sich die gestellte Aufgabe auch lösen,
wenn E eine ganz vnükürUche Function der Gtesckwindigkeiten ist,
die nur der schon oben gestellten Bedingung genügt, dass alle
dE I dqa nach Gleichung (7.) sich dem Werthe Null nähern, wen n
die qa = 0 werden. Es wird für unseren Zweck ausreichen
die obengemachte Bestimmung festzuhalten, wonach die Coef-
ficienten in dem Gleichungssystem (7.) endlich sein sollen, o b-
gleich auch Fälle zulässig wären, wo jene Coefficienten integrir-
bar unendUch würden.
Wir wollen zur Lösung unserer Aufgabe statt der g« in
den Werthen des E und des H setzen:
qa = x.qaj (8.)
und unter x einen veränderlichen Factor verstehen, bei dessen
Aenderung sich zwar die absoluten Werthe der g«, nicht aber
ihre gegenseitigen Verhältnisse ändern.
Die Functionen H und E bezeichne ich, nachdem diese
Substitution gemacht ist, mit H' und E', Dann ist:
SE' ^r dEl ,Q^,
Da nach der bei Gleichung (7.) gemachten Festsetzung alle
BEI dqa = 0, wenn alle ^a = 0? dies aber eintrifft nach Gleichung
(8.), wenn a; = 0, so ergiebt sich, dass :
-^ = 0, wenn a; = 0, (8*.)
und zwar wird das dE' j dx fixt sehr kleine x dem x selbst nach
unseren Annahmen proportional werden müssen, wenn nicht
einer höheren Potenz des x. Andererseits haben wir:
dH' „r 5^1
also:
dH
X
^=^^-^] = -^'+^'' <^'->
dx ZI"' h
und daher:
230 ^16 pbysikal. Bedeutung des Prindps der kleinsten Wirkung.
160 Wenn für die Differentialgleichung (8*^.)*
E' = H'-x.^ (8*.)
noch eine zweite Lösung existirt, die wir mit H" bezeichnen
wollen, so ist:
d. h.
log {B—H") = log X + log C
oder:
ja — Ja = X , C,
worin C eine Function der q^ sein kann. Dieselbe kann aber
nur homogen ersten Grades sein, wenn {B! — B!') auch als
Function der g«, die von x frei ist, soll dargestellt werden
können.
Nun brauchen wfr nur noch ein particuläres Integral der
Gleichung (8«.) zu finden.
Ein solches erhalten wfr, wenn wir zunächst die Gleichung
(8*.) für x = 0 schreiben:
und diese von (8^.) abziehen:
{E-- Eo) = (H'-Ho)-x.-^ [H'- Ho].
Durch X* dividirt, giebt dies:
Nach den zu (8*.) gemachten Erörterungen ist die links
stehende Grösse auch für x = 0 endlich, und wfr erhalten
also durch Integration zwischen den Grenzen x = 0 und
X = 1:
1
H'-Ho = -( ^^' dx + fi,, (8/.)
worin die Integrationsconstante ffi, wie bemerkt, irgend weiche
homogene Function ersten Grades der q^ sein kann.
Die phyaikaL Bedeutung des Frincips der kleinsten Wirkung. 231
Es ist also E eindeutig mittels der Gleichung (1 * .) aus H
abzuleiten, während bei der Herleitung von H aus E die hin-
zuzufügende Function ifj, die den „verborgenen" Bewegungen
entspricht, unbestinunt bleibt Ob solche Glieder ersten Grades
sich einmischen, wird bei speciellen Aufgaben meistens aus
den Bedingungen, unter denen die Bewegung rückläufig vor-
sieh gehen kann, zu ermitteln sein.
"Wenn man also bei dem betreffenden Probleme weiss, lei
welche physikalischen Grössen im Werthe von E als Coor-
dinaten, und welche als Geschwindigkeiten zu behandeln sind,
so kann man der Regel nach die hier gestellte Aufgabe lösen.
Aber es kommen auch gegentheilige Fälle vor, wo die Ent-
scheidung über die genannte Frage unsicher erscheint
§4.
Die allgemeinen Eigenthümlichkeiten der Kräfte bewegter Systeme.
Es ist bekannt, dass die nach aussen wirkenden E!räfte
ruhender Systeme,^ die dem Gesetz der Constanz der Energie
genügen, gewisse gesetzmässige Beziehungen zu einander zeigen,
die sich in den Gleichungen:
dpi dpa
aussprechen, und dass, wenn diese Gleichungen erfüllt sind,
sich der Werth der potentiellen Energie finden lässt
Ebenso lassen sich auch für bewegte Systeme, welche dem
Minimalsatze der kinetischen Energie unterliegen, ähnliche
Beziehungen aufstellen, welche sich unmittelbar aus Lagrange 's
Ausdrücken für die Kräfte ergeben. Diese sind dabei nicht
bloss, wie in den ruhenden Systemen, als Functionen der Co-
ordinaten jö«, sondern auch als solche der Geschwindigkeiten
7a und der Beschleunigungen:
aufzufassen. Gleichung (l^):
232 I)is physikaL Bedentong des Fiincips der Ueinsten Wirbing.
P.=
+4f-]
5pa diV. dqt
ei^ebt unmittelbar:
A, Kräfte und Beschleunigungen,
Wie man sieht, sind, in dieser Form dargestellt, die Kräfte
lineare Functionen der Beschleunigungen. Der Goeffident des
g'jim Werthe der Kraft P« kann also geschrieben werden:
dp, _ dm _ dP,
d. h. also: Wenn die Beschleunigung q\ die Kraft P^ um einen
162 gewissen Beirag grösser macht, so macht die gleicJi grosse Be-
schleunigung q\ die Kraft P^ v/m den gleidien Betrag grösser. Ob
ein solcher Einfluss in einem gegebenen Falle vorkommt oder
nicht, hängt davon ab, ob die Grösse 5*lf / {^qa-^qh) verschieden
von Null oder gleich Null ist Null ist die genannte Grösse zum
Beispiel für die Bewegungen eines vollkommen freien Systems
wägbarer Massenpunkte, wenn sie auf rechtwinkelige Coor-
dinaten bezogen werden. Jede einzelne Kraftcomponente wirkt
beschleunigend nur in Richtung derjenigen Coordinate, auf die
sie sich bezieht
Bei dem Kreisel im Beispiel I des § 2 haben wir:
BA
dB
dß"
Ba"
BA
BC
Bf
Ba"
BC
BB
Bß" Bf '
worin a", /9", f die Beschleunigungen der Winkel a, ß, y be-
zeichnen.
Im Beispiel n für die elektrodTuamischen Wirkungen ist:
aPg _ a®r _ A
BT^ ~ Bq\ ~ '
B^ _ a@c
BJ\ ~~ BTi •
Die physikal. Bedeutimg des Princips der kleinsten Wirkung. 233
Die erstere Gleichung sagt aus: Da die ponderomotorische
Kraft der Stromkreise nicht von der Beschleunigung der Ströme
abhängt, so kann auch die indudrte elektromotorische Kraft
nicht von der BescfUeimigung der Stromleiter abhängen (wohl
aber in beiden Fällen von den Geschwindigkeiten). Die letztere
Gleichung sagt aus, dass, wenn bei der gegebenen Lage und
Form der Stromkreise b und c Steigerung der in b wirkenden
Kraft @( durch elektrodynamische Induction J^ ansteigen macht,
die gleiche Steigerung der Kraft @c dasselbe für Ji bewirkt
Im Beispiel m für die thermodynamischen Wirkungen
fallen diese Wechselbeziehungen fort, da die lebendige Kraft
L der schweren Massen nicht von der Temperatur abhängt,
und also Producte i? • ^^ im Werthe von (g — L) = H nicht
vorkommen.
B, Beziehungen zunschen Kräften und Oeschmndigkeiien.
Aus den Gleichungen (7.) folgt weiter:
dPg ^ Bm dm d V dm t
dq% Bpa-dqi ' Spi.dqa dt LBga-Sq^ J
Also:
dqi ' dq^ dt Ldq^^-dq^A
(9".)
=2 Ari5Ll=: O jLfJ^l
* dt \.dq\\ c^ldq\\'
In der sehr grossen Zahl von Fällen, wo:
-5-r- = -ä-^ = -5 5— = Const, (9«.)
folgt daraus:
dqi dq,
(9"-)
d. L wenn Steigerung der Geschwindigkeit g^ bei gleichbleibender
Lage und gleichbleibenden Beschleimigungen die Kraft P^ u^achsen
macht, so unrd entsprechende Steigenmg von q^ die Kraft P^ ver-
ringern. In den zu A angefühi?ten Beispielen sind schon die
Fälle bemerkt, in denen die Vorbedingung (9«.) erfüllt ist.
Sie zeigen am besten die ausgedehnte Bedeutung dieses Satzes,
103
234 I^e physikal. Bedentimg des Princips der kleinsten Wirkung.
aber auch dass man die Erfüllung der Yorbedingung controlliren
muss, ehe man statt des allgemein richtigen Satzes (9^.) den
einfacheren (9**.) anwendet
Beispiel L Wenn eine Kraft, welche den Winkel ß ver-
grössert, d. h. die Axe des Kreisels von der Yerticale zu ent-
fernen strebt, grössere Präcessionsbewegung daldi unterhält, so
wird eine Kraft, welche die Präcessionsbewegung zu be-
schleunigen strebt, die Axe der Verticallinie zuführen.
Beispiel II, Elektrodynamisches Indudionsgesetz nach Lenz,
Die Bewegung zweier Stromkreise gegen einander, welche
durch die ponderomotorischen elektrodynamischen Kräfte unter-
stützt wird, bringt elektromotorische inducirte Kräfte hervor,
die den Strömen entgegenwirken.
Die entsprechende Beziehung gilt für Bewegung eines
Magneten gegen einen Stromleiter.
Beispiel HI. Thermodynamisch. Wenn Steigerung der TenV'
peratur den Druck eines Körpersysienis steigert, toird Gompressum
desselben die Temperatur steigern.
Für diesen Fall können wir die Gleichung (9*.) nach
Multiplication beider Seiten mit 97, mit Beziehung auf die Be-
zeichungen und Erläuterungen von § 2 zu diesem Beispiel,
schreiben:
Bq,
164 oder nach (B-^.):
dq
Nun ist nach (6^):
dQ ds
dt
Also ist:
^qA dt } ^
dP.
ÖlOff)
(9^)
= n
dt
= ^-f[-^-^^0+
^
ds dtj
dtj dt
ds
Bqo, V. dt J ^ dpa '
Nach (6**.) war:
and da L unabhängig von ij, so ist:
(9/.)
1
Die physikal. Bedeutung des Princips der kleinsten Wirkung. 235
SP, d^H da
Sri dpa^drj dp^'
(9^.)
wodurch in Verbindung mit (9-^.) die Richtigkeit der Gleichung
(9 « .) bestätigt wird, und somit auch die Anwendbarkeit unseres
allgemeinen Satzes. Dabei könnte jede beliebige unter den
Functionen r^ der Gleichung (6^.) als Geschwindigkeit ange-
sehen werden, nur muss dann entsprechend drildt als Beschleu-
nigung gelten. Auch die Temperatur ^ gehört in die Beihe
der integrirenden Nenner 17, so dass also auch:
r dQ'} dPa
[fh
dqa L dt J 51ogd '
Da bei dieser Anwendung d^ j dt = 0 sein soU, so ist
~p — I "^/ I ^® Geschwindigkeit, mit welcher Wärme ein-
tritt, wenn der Parameter ^a n^it der Geschwindigkeit qa wächst,
während ^ constant bleibt Dies giebt die oben gegebene
Formulirung des Satzes.
Dieselben Betrachtungen lassen sich auch auf die rever-
siblen Theile thermoelektrischer und elektrochemischer Vor-
gänge anwenden.
Peltiers Phänomen, Wenn Erwärmung einer Stelle einer ge-
schlossenen Leitung einen elektrischen Strom hervorbringt, so wird
derselbe Strom dort Kälte entunckeln (abgesehen von der Wärme-
entwickelung durch den Leitungswiderstand).
Elektrochemisch: Wenn Erwärmung eines constanien galvor
nischen Elements die elektromotorische Kraft steigert, unrd der k»
Strom in detnselben Wärme latent machen^).
Die obigen Formeln zeigen aber nicht nur den Sinn der
Aenderung an, sondern geben auch gleichzeitig Aufschluss
über die Quantitäten, um die es sich handelt.
1) Siehe meine Abhandlungen zur Thennodynamik chemischer Yorg&nge.
Sitzungsberichte der Berliner Akademie 1882, 2. Febr., S. 24—26; 1882,
27. Juli, S. 825—835. Abgedruckt auf S. 958 und 979 des zweiten Bandes
dieser Sammlimg.
236 ^e physikal. Bedeutung des Prindps der kleinstea Wirkung.
C, Bexiehwigen zwischen den Kräften und GoordincUen,
Endlich folgt aus Gleichung (9.):
dpi Spa dtldqa'dpi Sqi'dpaJ 1(9*)
_, d I dPg dP, 1
^ dt l dqj, dqa J •
Für den Fall der Ruhe, wo die rechte Seite NuU wird,
ergiebt sich hieraus das allgemeine Gesetz aller conservativen
Kräfte:
dPa __ SP,
Dieselbe Bedingung ist aber auch erfüllt, wenn zeitweilig die
Bewegung so vor sich geht, dass die rechte Seite von Gleichung
(9*.) gleich Null ist So kön^ien wir das Gesetz (9*.) auch
anwenden um für die Kräfte warmer Körper, beziehlich mono-
cyklischer Systeme eine Kräftefunction zu bilden, falls nur
während der Bewegung eine der Functionen rj der Gleichung
(6*.) constant bleibt Wenn wir dabei die lebendige Kraft der
geordneten Bewegungen L vernachlässigen, ist nach Gleichung
(6^.) einfach:
_ J^
also unsre Gleichung (9«.) erfüllt In diesem Falle sind wir
aber fast immer, wenn wir uns mit der Mechanik irdischer
Körper beschäftigen, die mehr oder weniger Wärme enthalten.
Trotzdem die Körper innerlich heftig bewegt sind, können wir
z. B. für die Theorie ihrer elastischen Wirkungen vermöge des
iiier aufgewiesenen Gesetzes Kräftefunctionen der Molecular-
kräfte bilden und anwenden, als ob ihr Gleichgewichtszustand
der eines stabilen Gleichgewichts in absoluter Ruhe wäre.
Ich will hier noch bemerken, dass die in den Gleichungen:
ePa SP^
1C6
BP,
(9«.)
+^='-i[-wA •''■'
Bqi 3qa dt L Bq\
ep„ dPy , d V dP„ dP,
BPj -t d V ePg SP, 1
Die physikal. Bedeutung des Phndps der kleinsten Wirkung. 237
ausgesprochenen gegenseitigen Beziehungungen der Kräfte in
Verbindung niit dem Umstände, dass die P^ lineare Functionen
der q\ sind, was man schreiben kann:
V=0, (9*.)
Sq\ . dq\
und mit den früher gegebenen Definitionen:
genügend sind, um nachzuweisen, dass ein kinetisches Potmiial
besteht, dass die Kräfte Pa in der von Lagrange angegebenen
Weise durch die DifFerentialquotienten desselben ausgedrückt,
und dass die Bewegungsgleichungen auf das Princip der kleinsten
Wirkung reducirt werden können.
Die hier zusammengestellten Beziehungen der Kräfte ent-
halten also eine Tollständige Charakteristik derjenigen Be-
wegungen, welche dem Princip der kleinsten Wirkung unter-
liegen.
Der Beweis für diesen Satz lässt sich mit den bis jetzt
vorbereiteten Hülfsmitteln der Analysis für den Fall, dass
nicht mehr als drei Coordinaten ^^ vorkommen, unmittelbar
geben. Dazu werden aber Sätze aus der Theorie der Potential-
functionen im Räume von drei Dimensionen gebraucht Will
man auf mehr Coordinaten jp^ übergehen, so braucht man die
entsprechenden Sätze für eine grössere Zahl von Coordinaten
Dieselben lassen sich bilden, soweit sie für unseren Beweis
nöthig sind. Da dies aber eine Sache von selbständigem In-
teresse ist, so schien es mir nicht passend sie hier nur neben-
sächlich abzuthun, und ich ziehe deshalb vor, den genannten
Beweis bei einer andern Gelegenheit zu geben.
Andere allgemeine Eigenthümlichkeiten der unter dem
Principe der kleinsten Wirkung ablaufenden Bewegungen wer-
den in den nächsten Paragraphen beschrieben werden.
238 I^ phyeikaL Bedeutang des Princips der kleinsten Wirkung.
218 . § 5.
Yerallgemeinerung von Hamilton's Differentialgleichung.
Hamilton hat die von ihm unter etwas engeren Vor-
aussetzungen gebildete Function 0
* = j {F—D . dt
als Function der Zeit < = ^ — ^o ^^^ dßr Werthe der Coor-
dinaten zu den Zeiten ^ und ^o darzusteUen gelehrt Wir
wollen die Goordinaten und Bewegungsmomente für die Zeit
ti mit pa und Sa^ für die Zeit ^ mit pa und jSa bezeichnen.
Vorausgesetzt ist, das während der Zeit (^ —